Wer heute einen Lehrling ausbildet, übernimmt weit mehr als nur die Aufgabe, Fachwissen weiterzugeben.
Es geht nicht nur darum, wie man ein Zimmer perfekt vorbereitet, ein Menü sauber serviert oder einen Dienstplan liest. Es geht um Menschen. Um junge Menschen. Und damit um Verantwortung.
Gerade in der Hotellerie und Gastronomie entscheidet die Qualität der Ausbildung darüber, wie unsere Branche morgen aussieht. Gute Servicequalität entsteht nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Menschen gut begleitet, ernst genommen und gefördert werden.
Und dennoch höre ich von den Entscheidungsträgern in den Hotels immer wieder denselben Satz:
„Die jungen Leute heute haben einfach keine Motivation mehr.“
Die spannendere Frage wäre vielleicht:
Haben wir verstanden, was junge Menschen heute wirklich brauchen?
Denn Motivation verschwindet selten einfach so. Oft wird sie Stück für Stück abtrainiert.
Lehrlinge sind keine fertigen Mitarbeitenden
Viele Betriebe behandeln Lehrlinge wie vollwertige Fachkräfte – nur günstiger. Genau dort beginnt das Problem.
Ein Lehrling ist kein „halber Mitarbeitender“. Er ist ein Mensch in Entwicklung. Fachlich. Persönlich. Sozial.
Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Lebensphase. Zuhause gelten sie oft noch als Kind. Im Betrieb sollen sie plötzlich Verantwortung übernehmen, funktionieren, mitdenken und Belastung aushalten.
Diese Spannung ist enorm.
Gerade deshalb braucht Ausbildung heute weit mehr als fachliches Können. Sie braucht Orientierung. Beziehung. Geduld. Klarheit.
Und vor allem: Vorbilder.
Denn Lehrlinge lernen nicht nur durch Erklärungen. Sie lernen durch Beobachtung.
Wie spricht die Führungskraft mit Stress?
Wie wird mit Fehlern umgegangen?
Wie wird Kritik formuliert?
Wie sprechen Küche und Service miteinander?
Wie werden Gäste behandelt?
Wie wird über Kolleginnen und Kollegen gesprochen?
All das wird Teil ihrer beruflichen Identität.
Fachliche Kompetenz allein reicht nicht
Viele Ausbilderinnen und Ausbilder sind fachlich hervorragend. Jahrzehntelange Erfahrung. Hohe Qualitätsansprüche. Große Leidenschaft für den Beruf.
Aber Führung wurde ihnen nie wirklich beigebracht.
Das ist kein Vorwurf. Das ist Realität.
Wer selbst in einer harten Führungskultur groß geworden ist, übernimmt oft unbewusst genau diese Muster. Druck erzeugt Gegendruck. Kontrolle ersetzt Vertrauen. Fehler werden bestraft statt genutzt.
Das Ergebnis?
Der Lehrling macht nur noch Dienst nach Vorschrift.
Oder kündigt innerlich bereits im ersten Lehrjahr.
Dabei wissen wir längst, wie entscheidend Führung für Motivation und Bindung ist. Eine Gallup-Studie zeigt, dass Führungskräfte für bis zu 70 % des Mitarbeiterengagements verantwortlich sind. Noch deutlicher: Jede zweite arbeitende Person hat laut Gallup bereits einmal einen Job verlassen, um einer schlechten Führungskraft zu entkommen.
Gerade junge Menschen reagieren besonders sensibel auf fehlende Wertschätzung, chaotische Abläufe oder respektlosen Umgang.
Ausbildung ist Beziehungsarbeit
In den Unterlagen des Südtiroler Meisterkurses für Mitarbeiterführung und Lehrlingsausbildung wird deutlich beschrieben, wie stark Zugehörigkeit, Ordnung und Achtsamkeit auf Motivation und Entwicklung wirken.
Das klingt vielleicht theoretisch. Im Alltag zeigt es sich ganz praktisch.
Ein Lehrling, der sich zugehörig fühlt:
- fragt nach
- übernimmt Verantwortung
- zeigt Eigeninitiative
- bleibt motiviert
- entwickelt Selbstvertrauen
Ein Lehrling, der ständig Angst hat, etwas falsch zu machen:
- wird still
- zieht sich zurück
- vermeidet Verantwortung
- macht mehr Fehler
- verliert die Freude am Beruf
Viele Betriebe versuchen Motivation mit Benefits zu lösen. Kostenloses Essen. Bonuszahlungen. Freizeitangebote.
Das kann nett sein.
Aber echte Motivation entsteht dort, wo Menschen gesehen werden.
Der Ton macht die Ausbildung
Besonders entscheidend ist die Art, wie Arbeitsaufträge gegeben werden.
Denn oft glauben Führungskräfte, sie hätten klar kommuniziert. Der Lehrling erlebt jedoch etwas völlig anderes.
Ein Beispiel aus dem Alltag:
„Mach schnell das Mise en Place fertig.“
Für eine erfahrene Fachkraft vielleicht eindeutig.
Für einen Lehrling oft nicht.
Was genau gehört dazu?
Bis wann?
In welcher Reihenfolge?
Wie sauber?
Was hat Priorität?
Fehlt diese Klarheit, entsteht Unsicherheit. Und aus Unsicherheit entstehen Fehler.
Gute Ausbilder verstehen deshalb:
Klare Kommunikation ist keine Schwäche. Sie ist Führung.
Die bekannte 4-Stufen-Methode aus der Lehrlingsausbildung zeigt genau diesen Weg: Vormachen, erklären, gemeinsam üben, selbstständig durchführen.
Das braucht Zeit.
Aber genau diese Zeit spart später unglaublich viel Energie.
Vorbild sein heißt nicht perfekt sein
Viele glauben, ein guter Ausbilder müsse immer souverän, ruhig und fehlerfrei sein.
Das Gegenteil ist oft hilfreicher.
Junge Menschen brauchen keine perfekten Erwachsenen.
Sie brauchen authentische Menschen.
Wenn eine Führungskraft sagen kann:
„Das war gerade nicht fair von mir.“
oder
„Danke, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast.“
… dann lernen Lehrlinge etwas unglaublich Wertvolles:
Respekt funktioniert in beide Richtungen.
Gerade die soziale Kompetenz von Ausbildern wird in Zukunft immer wichtiger werden. Nicht nur wegen des Fachkräftemangels. Sondern weil junge Generationen anders geführt werden wollen.
Nicht autoritär.
Nicht gleichgültig.
Sondern klar und menschlich zugleich.
Motivation stirbt dort, wo Menschen ausgebrannt werden
Einer der traurigsten Sätze, die ich höre, ist:
„Am Anfang war der Lehrling total motiviert.“
Und dann?
Dann kam der Alltag.
Zu wenig Zeit.
Zu wenig Erklärung.
Zu viel Druck.
Zu wenig Feedback.
Zu viel Kritik.
Zu wenig echtes Interesse.
Viele Lehrlinge verlieren nicht die Lust am Arbeiten.
Sie verlieren die Lust auf den Umgang im Betrieb.
Das muss nicht sein.
Wer Ausbildung wirklich versteht, erkennt:
Lehrlinge sind keine zusätzliche Belastung.
Sie sind eine Investition in die Zukunft des Unternehmens.
Und ja – Ausbildung kostet Kraft.
Aber KEINE Ausbildung kostet langfristig viel mehr.
Systemisch denken statt Symptome bekämpfen
Wenn Lehrlinge unmotiviert wirken, lohnt sich ein genauer Blick auf das gesamte System.
Denn Verhalten entsteht nie isoliert.
Wie ist die Stimmung im Team?
Wie sprechen Führungskräfte miteinander?
Gibt es klare Rollen?
Werden Werte tatsächlich gelebt?
Gibt es Orientierung?
Systemische Führung betrachtet genau diese Zusammenhänge. Nicht nur den einzelnen Menschen, sondern das Zusammenspiel aller Beteiligten.
Eine aktuelle Untersuchung zeigt zudem einen positiven Zusammenhang zwischen systemischer Führung, Arbeitszufriedenheit und Selbstwirksamkeit von Mitarbeitenden.
Das bedeutet:
Menschen entwickeln sich besser dort, wo Führung Orientierung, Vertrauen und Klarheit schafft.
Und genau das brauchen Lehrlinge besonders dringend.
Was gute Ausbilder anders machen
Gute Ausbilder:
- erklären geduldig
- geben klare Arbeitsaufträge
- interessieren sich für den Menschen
- sprechen Probleme früh an
- bleiben verbindlich
- leben Werte sichtbar vor
- fördern Eigenverantwortung
- schaffen Sicherheit und Orientierung
Sie verstehen:
Führung beginnt bei ihnen selbst.
Drei Fragen für Deinen Ausbildungsalltag
Vielleicht magst Du Dir heute einmal ehrlich diese Fragen stellen:
- Wie fühlt sich ein neuer Lehrling nach seiner ersten Woche bei uns?
- Würde ich selbst gerne so ausgebildet werden?
- Welche Haltung lernen junge Menschen gerade durch mein Verhalten?
Denn Ausbildung ist niemals nur Wissensvermittlung.
Sie prägt Menschen.
Und damit auch die Zukunft unserer Branche.
Wer Lehrlinge mit Herz, Klarheit und echter Verantwortung begleitet, bildet nicht nur Fachkräfte aus.
Sondern Menschen, die eines Tages selbst gute Führungskräfte werden können.
Du wünschst Dir Unterstützung für das optimale Onboarding Deiner Azubis/Lehrlinge?
Melde Dich gerne bei mir – mit 30 Jahre Expertise in unserer spannenden Branche habe ich mehr als nur theoretische Modelle, die Dich weiterbringen.
Deine Andrea
Und wenn Du mehr zu diesem Thema wissen willst, dann schau mal hier: Wie selbständiges Arbeiten im Team gelingt